Aus dem Tagebuch des Wanderführers – “Buntwild”beobachtungen in den belg. Ardennen

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Tag 1: Ich steige aus meinem Traktor und erkenne Belgien nicht mehr (siehe auch „Aus dem Tagebuch des Wanderführers – Unvergessliche Tage in Belgien – Tag 1“)!  Die Sonne scheint und bei 20°C ist das Wetter zum Wandern ideal. Pünktlich um 11:30 Uhr sind alle auf dem Marktplatz von La Roche versammelt und freuen sich auf die kommenden Tage. Zu früh gefreut! Denn vom Start weg geht es gleich bergauf. Bei der „Eingehtour“ sind mehr als 500 Höhenmeter zu bewältigen und der Schweiß fließt in Strömen. Oben angekommen gewähre ich großzügig eine kleine Pause denn ich weiß ja, was als Nächstes kommt. Über geröllige Pfade geht es steil bergab. Gut, dass ich zu Stöcken geraten habe. Ohne Verletzungen gelangt das Rudel „Buntwild“ am Ufer der Ourthe an und auch hier genehmige ich eine Pause. Klar, denn sofort geht es wieder steil bergauf und nach einem Blick auf den tief unter uns im Sonnenlicht glänzenden Fluss wieder ebenso steil abwärts. An einem glasklaren Bach haben Biber ein paar Dämme gebaut und die Stimmung ist wie das Wetter – ausgesprochen heiter. Gemächlich wandern wir an einem kleinen Nebenbach aufwärts und oben angekommen erwartet „Réné“ den Trupp und benässt mit diversen Getränken die ausgetrockneten Kehlen. Nach ein paar unbedeutenden „Zwischenhochs“ geht es mit tollen Ausblicken runter nach La Roche. Etwas später, nach der obligatorischen Dusch- und Umkleidepause lassen alle den schönen Wandertag bei Kirschbier, Frischlingsragout und anderen Leckereien ausklingen. Uff, denke ich, alle(s) gut gelaufen und falle müde aber zufrieden ins gemachte Bett.

Tag 2: Auch heute ist der belgische Wettergott gut gelaunt und lässt neben der Sonne auch die Gesichter der Teilnehmer strahlen. Am Startpunkt der heutigen Tour angekommen geht es zuerst einmal (Überraschung!) abwärts. Schade, dass wegen der voran gegangenen Dürre die „rauschenden“ Bäche nur vor sich hinmurmeln. Am frühen Nachmittag ist die gut gelaunte Truppe auf Holzstegen in einem Hochmoor unterwegs. Der hier im letzten Jahr versunkene Holländer taucht auch heute nicht auf. Die Ruhe ringsum überträgt sich auf meine Teilnehmer und so laufen die meisten still wie aneinander gereihte Perlen durch die beeindruckende Landschaft des Moores. Hier könnte man prima eine Gehmeditation mit „meiner“ Entspannungspädagogin Jutta veranstalten – wäre die Anfahrt nur nicht so weit. Bis auf eine Teilnehmerin, die sich lieber auf der Terrasse ihres Luxusapartments („6 Betten, ein riesengroßer LCD Fernseher, Aussicht nur ins Grüne und auf ein paar weidende Schafe, absolut ruhig bla bla bla. …“) in der Sonne räkelt fahren alle anderen nach Spa, bestaunen den „Dom“ und erkunden die Stadt. Erkenntnis des Tages? Alle Restaurants schließen um 18 Uhr! Alle? Nein, ein kleines belgisches Dorf, pardon Bistro, widersetzt sich dem Trend und dort treffen sich schließlich alle (bis auf eine Teilnehmerin, die sich lieber……), um es sich kulinarisch gut gehen zu lassen. „Das hamma uns verdient“ und „was für eine tolle Etappe“ ist zu hören und so lege ich mich spätabends ins gemachte Bett und träume von rauschenden Bächen.

Tag 3: Morgens rauscht es tatsächlich – Regen ohne Ende prasselt an die Scheiben aber die Wetterfrösche beteuern, dass die Niedergeschlagenheit des WaFü’s mit Beginn der Wanderung aufhört. Leider ticken die Uhren in Belgien anders und so kämpft sich das „Rudel Buntwild“ die ersten Kilometer im Nebel und bei Nieselregen ins Quellgebiet der Diglette. Endlich – beim Besuch eines Freilichtmuseums scheint wieder die Sonne und strahlt mit den Teilnehmern um die Wette. Nach gut zwei Stunden Kultur und ein paar Kaffee ist aber wieder Wandern angesagt und die Gruppe schlittert durch den Lehm (siehe auch „Aus dem Tagebuch des Wanderführers – Unvergessliche Tage in Belgien – Tag 2“). Erst nachdem zwei Teilnehmer ihre Sohlen dem Wegegott „opfern“ hat dieser ein Einsehen und die Schlammschlacht ein Ende. Der Rest der Tour bringt noch einmal den Kreislauf in Schwung. Es geht aufwärts (hat der Wegegott in seiner Boshaftigkeit etwa die Wege gekippt?) zurück zum Ausgangspunkt der Tour, wo sich alle Teilnehmer auf diverse Fresstempel aufteilen und verloren geglaubte Kalorien ersetzen. Alle? Nein, nicht alle! Denn zwei Wanderienen hatten die großartige Idee, den heutigen Wandertag sausen zu lassen und sich am Meer (2,5 Stunden hin und wegen Stau deutlich mehr zurück) zu entspannen. Als sich die beiden am späten Abend wieder der wandernden Zunft anschließen ist die einhellige Meinung, dass „entspannte“ Gesichter doch irgendwie anders aussehen. Was soll’s, für morgen ist tolles Wanderwetter vorhergesagt und eine entspannende Tour in einem der schönsten Wandergebiete Belgiens steht auf dem Programm. Schaun mer mal……

Tag 4: OK, Entspannung sieht anders aus! Bei der Fahrt zum Startpunkt werden alle Teil eines Radrennens und dürfen sogar viele Kilometer im Feld mitfahren. Doch damit nicht genug! Am Startpunkt der Wanderung angekommen haben sich (gefühlt) alle Einwohner Belgiens und der Niederlande versammelt, um mit uns den Ninglinspo hinauf zu wandern. Irgendwie „verläuft“ sich aber die Masse und spätestens bei der Querung zur Chefna sind wir wieder allein unterwegs. Bei der verdienten Mittagspause dösen alle in der Sonne. Alle? Nein! Denn eine ungeduldige Wanderiene gemahnt mit den Worten „Ich bin doch hier zum Wandern“ zum Aufbruch. Zuerst widerwillig doch dann wieder mit offenen Augen genießt die Truppe den Weg entlang der Chefna. Bevor diese mündet habe ich mir noch etwas Spezielles ausgedacht. Während die „Genießer“ weiter einem Forstweg folgen sind die „Abenteurer“ mit mir auf einem spannenderen Pfad unterwegs. Auf Holzbohlen (naja, manchmal werden auch Männer zur Pussy und gehen lieber durch das Bachbett) immer wieder die Bachseite wechselnd gelingt schließlich die Wiedervereinigung mit den „Genießern“ und gemeinsam wandern alle ins Tal der Amblève. Dieser Fluss ist so idyllisch, dass ich kurzerhand eine Pause genehmige. Einige Wanderer verteilen sich auf Felsbrocken im Fluss, genießen die Sonne und beobachten eine Teilnehmerin, die beim Durchwaten der Fluten die Schuhe anlässt und diese (unfreiwillig)  wässert. Zum Glück hat sie noch trockene Schuhe im Rucksack (!?!) und so gelangen alle nach „der schönsten Tour des Urlaubs“ unbeschadet zurück zum Ausgangspunkt. Nach einem gemeinsamen Abendessen heißt es „schnell zurück nach La Roche“, wo das Gespenst auf der illuminierten Burg seinen allabendlichen Auftritt absolviert. Na dann, Gute Nacht!

Tag 5: Wieder scheint die Sonne und die Wanderschar macht sich auf zur letzten Tour des Urlaubs. Gleich nach dem Start wählen einige Teilnehmer den anspruchsvollen Felsenpfad (siehe auch „Aus dem Tagebuch des Wanderführers – Unvergessliche Tage in Belgien – Tag 4“) während der Rest über den „Normalweg“ zur Ourthe hinab steigt. Als alle wieder vereint sind beginnt die traumhaft schöne Wanderetappe am Ufer des sanft dahin strömenden Flusses. „Noch eineinhalb Stunden“ denke ich, „dann habt ihr ausgeträumt“ und tatsächlich quält sich die Gruppe später einen steilen Hang zur ehemaligen Keltenfestung hinauf. Dort angekommen sorgen die wunderschöne Aussicht und vor allem die großzügig gewährte Mittagspause für zufriedene Gesichter. Wieder dösen einige in der Sonne und lassen es sich ohne zu Gehen gut gehen. Trotzdem bereitet es mir keine Schwierigkeiten, „meine“ Wanderienen und Wanderatten zur nächsten Etappe zu animieren. Unglücklicherweise ist der Weg durch einen Windbruch immer noch nicht (sicher) begehbar und so folgt nach dem Abstieg zur Ourthe gleich wieder ein steiler Anstieg durch ein Bachtal. Oben angekommen werden letzte Kräfte mobilisiert und in leichtem Trab geht es in ständig wechselnden Auf und Ab zurück zum Startpunkt der letzten Wanderung. Noch ein gemeinsamer Kaffee und dann nichts wie ab nach Hause. Denkste! Die (erst) 210.000 Kilometer alte Batterie einer Teilnehmerin versagt den Dienst und kann nur mit Hilfe technischer Expertise und Ausrüstung wieder reanimiert werden. Dann aber entschwinden alle Richtung Heimat und träumen hoffentlich noch lange von unseren Wandertagen in den belgischen Ardennen.

Ich bedanke mich für euer Vertrauen und überlege schon jetzt, ob mir so ein toller Wanderurlaub im nächsten Jahr noch mal gelingen kann. Na dann, schaun mer mal……

Euer WaFü Martin